Die Zukunft der Menschheit, unsere Gesundheit und unser Wohlstand hängen unmittelbar von der Vielfalt des Lebens ab. Im Gespräch erklärt die Biodiversitätsforscherin Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese, warum das Bewahren der Artenvielfalt mehr ist als Naturschutz – und was sie mit Haltung und gesellschaftlicher Verantwortung zu tun hat.
Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese
Die Biologin und Ornithologin gilt als weltweit führende Spezialistin auf dem Gebiet der Biodiversitätsforschung. Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und Mitglied der Leopoldina wie auch des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Sie lehrt an der Universität Leipzig und ist Trägerin des Deutschen Umweltpreises. Zum Thema Artenvielfalt liegen bei Klett-Cotta zwei Bücher von ihr vor: „Rettet die Vielfalt: Manifest für eine biodiverse Gesellschaft“ (zusammen mit Jens Kersten und Helmuth Trischler) und „Vom Verschwinden der Arten: Der Kampf um die Zukunft der Menschheit“ (gemeinsam mit Friederike Bauer).
natürlich gesund und munter: Frau Professorin Böhning-Gaese, Sie sagen, der Klimawandel bestimme, wie wir als Menschen weiterleben, das Artensterben bestimme, ob wir als Menschheit überleben. Wie können wir so blind sein für die weitaus größere Bedrohung?
Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese: Beide Probleme sind natürlich bedeutsam. Aber der Artenschwund schreitet in so dramatischer Geschwindigkeit voran, dass unsere Situation als Menschheit zunehmend kritisch wird. Internationale Langzeitstudien zeigen: In nur 50 Jahren, zwischen 1970 und 2020, haben wir drei Viertel aller Wirbeltiere, also Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien, verloren. Belegt ist auch ein Rückgang der Biomasse von Fluginsekten um 75 Prozent zwischen 1989 und 2016. Drei Viertel binnen 27 Jahren!
So furchtbar das schon für sich genommen ist – was ist an diesem rasanten Artensterben so bedrohlich für uns Menschen?
Ich benutze lieber den umfassenderen Begriff des Biodiversitätsverlusts. Er beschreibt nicht nur das Verschwinden einzelner Tier- und Pflanzenarten, sondern auch den Rückgang genetischer Vielfalt innerhalb von Arten sowie der Vielfalt von Ökosystemen. Ich denke, dass das Thema durchaus viele Menschen berührt und traurig macht. Aber all die Leistungen, die wir aus der Natur beziehen, sind in der Regel für uns verfügbar: Nahrung, Trinkwasser, Kleidung, Medikamente, Energie, Baustoffe und vieles mehr. Wenn wir in den Supermarkt gehen, finden wir gut gefüllte Regale vor. Wird die eine oder andere Lieferkette langsam instabil, merken wir das an den Preisen wie zuletzt bei Kaffee, Kakao oder Olivenöl. Dass hierbei auch die schwindende Biodiversität in den Herkunftsländern eine Rolle spielt, erkennen nur wenige.
Man vermisst nur, was man kennenlernen durfte. Stirbt mit den Arten auch allmählich die Erinnerung an vielstimmige Vogelkonzerte, an das Summen von Bienen und Hummeln oder an die Kaulquappen im Tümpel?
Dieses Phänomen hat sogar einen wissenschaftlichen Namen: Shifting baseline syndrom. Es beschreibt, dass sich die Wahrnehmung des Zustands der Natur über Generationen hinweg schleichend verschiebt. Jede Generation nimmt den Zustand, in dem sie aufwächst, als Normalität an, die nicht hinterfragt werden muss. So kann es sein, dass vor allem jüngere Menschen, aber natürlich nicht nur sie, den Schwund an Tieren, Pflanzen und Lebensräumen gar nicht als besorgniserregend wahrnehmen.
In unserem urban geprägten Alltag spielen Naturprozesse gefühlt kaum eine Rolle ...
Unser moderner Lebensstil lässt uns allzu leicht vergessen, wie extrem wichtig diese Prozesse für uns sind. Wir vergessen, dass die Ökosysteme in der Lage sein müssen, all das zu produzieren, was wir dringend benötigen. Das heißt: Es muss die Bestäubung funktionieren, die Böden mit ihren Billionen von Lebewesen müssen stabil sein, Entwicklung und Wachstum sollten weitgehend ungestört ablaufen können und vieles mehr. Ich bezeichne deshalb die Biodiversität auch als Maschinenraum der Natur. Ohne diesen Maschinenraum sind all die Leistungen der Natur für uns Menschen nicht verfügbar.
Wie sinnvoll ist es, bestimmte Arten unter strengen Schutz zu stellen?
Das Arche-Noah-Prinzip funktioniert nicht. Das liegt zum einen an der schieren Zahl von acht Millionen Arten auf der Erde. Zum anderen – und das ist fast entscheidender – ist unbekannt, welche unterschiedlichen Funktionen diese Millionen von Arten haben. Ehrlich gesagt, wir wissen es von den Allerwenigsten. Was wir jedoch aus guten Experimenten wissen: Je mehr Arten wir in einem Ökosystem haben, desto stabiler ist es. Das ist so etwas wie unsere Versicherung. Statt also einzelne Arten zu retten, die wir Menschen für besonders wertvoll erachten, sollten wir vorsorglich so viele Arten wie möglich erhalten. Weil niemand sagen kann, ob man die eine oder andere Art irgendwann einmal braucht.
Hier gilt also das Prinzip „viel hilft viel“?
Zweifellos. Stirbt die eine Art aus, kann vielleicht eine nah verwandte Art die entstandene Lücke im System schließen. Oder wenn in einem Gebiet neue Schädlinge auftreten, dann gibt es hoffentlich einige Pflanzen, die dagegen robust sind. Die könnten uns retten, wenn wir diese dann weiterzüchten. Ungestörte, naturbelassene Ökosysteme weisen tendenziell eine höhere Biodiversität auf und sind widerstandsfähiger. Anders gesagt: Hier wächst immer was, egal ob bei Regen, Hitze oder Dürre.
Der Weltbiodiversitätsrat empfiehlt, die Rechte indigener und lokaler Gemeinschaften als wichtigen Beitrag zum Schutz der Arten anzuerkennen. Haben wir viel zu lange an die Überlegenheit sogenannter zivilisierter Kulturen geglaubt?
Das ist ein Teil des Problems, ja. Wir haben in unserer eigenen Geschichte vor gar nicht allzu langer Zeit den Respekt vor der Natur und die Vertrautheit mit ihr verloren. Wir hatten in der Breite der Bevölkerung all das praktische Wissen, wie man anbaut, wie man die Ernte schützt und wann man erntet ... Bei vielen indigenen Völkern, die in und mit der Natur leben, hat sich dieses Wissen in einem ausgeprägteren Maß erhalten. Abgesehen davon, dass viele dieser Völker ganz andere Vorstellungen von Natur haben. Mutter Erde wird als Gegenüber und nicht als Objekt oder Eigentum gesehen, mit dem Recht auf Existenz, Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen.
Naturschutz muss also ganz neu gedacht und innovativ gestaltet werden ...
De facto proklamieren wir die biodiverse Gesellschaft, in der wir Menschen uns als Teil dieser Gesellschaft erleben. Wir erkennen an, dass wir auf die Natur angewiesen sind, dass wir eine enge Beziehung zur Natur haben, aber auch, dass die Natur um ihrer selbst willen geschützt werden muss. Daraus folgt der konvivialistische Imperativ: „Handle so, dass du die Vielfalt des Lebens bewahrst und förderst.“ Darin drückt sich aus, wie wichtig es ist, die Abhängigkeit der Menschen von der Natur zu realisieren und das Verhältnis zu ihr nach dem Grundsatz von Gabe und Gegengabe verantwortlich zu gestalten.
Auf dem Erdgipfel in Rio 1992 wurde Nachhaltigkeit als globales Leitprinzip anerkannt und in der Agenda 21 festgeschrieben. Dennoch verschlechtert sich der ökologische Zustand des Planeten in katastrophalem Ausmaß. Weshalb klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander?
Im aktuellen Nachhaltigkeitsbegriff werden ökologische, ökonomische und soziale Dimension als gegeneinander aufrechenbar angesehen. Handelt man zugunsten der sozialen und der ökonomischen Nachhaltigkeit, kann man diesem Prinzip folgend Verlust bei der ökologischen Nachhaltigkeit in Kauf nehmen. Aber so funktioniert das langfristig nicht. Wir verlieren Naturkapital – ich verwende bewusst diesen Begriff aus der Ökonomie –, auf das wir aber elementar angewiesen sind. Jeder Mensch hütet sorgfältig seine ökonomischen Rücklagen, sein Vermögen, sein Erbe. So sollten wir auch mit unserem Naturkapital umgehen. Ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit muss auf das zukunftsfähige Zusammenleben aller Arten einschließlich der Menschen auf dem gemeinsamen Planeten ausgerichtet sein. Wir nennen es das konviviale Nachhaltigkeitsprinzip.
Der Global Risks Report 2025, eine Befragung von mehr als 900 globalen Risikospezialisten und führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, erkennt für das kommende Jahrzehnt vor allem Umweltrisiken – und zwar schon auf den ersten vier Plätzen im Ranking: Extremwetterereignisse, Biodiversitätsverlust mit Kollaps der Ökosysteme, kritische Veränderungen der Erdsysteme sowie die Verknappung der natürlichen Ressourcen. Das kommt nicht von Naturliebhabern, sondern von Entscheidungsträgern aus Versicherungswesen, Politik und Wirtschaft.
Das ist das, was mir neben einigen anderen Aspekten die meiste Hoffnung gibt: dass Wirtschaftsunternehmen die Umweltrisiken erkennen. Sogar Unternehmen aus den USA berücksichtigen weiter das Thema Nachhaltigkeit, obwohl sie dies unter Trump gar nicht tun dürfen. Firmen, die Kredite haben wollen, werden konsequent hinsichtlich ihrer Abhängigkeit von der Umwelt geprüft, weil es einfach zum guten Business gehört, auch die Risiken zu beleuchten. Für mich fühlt sich derzeit die Wirtschaft wie der beste Koalitionspartner an, um Verbesserungen für die Biodiversität zu erreichen. Hier trifft sich die ökologische Vernunft einer Naturwissenschaftlerin wie mir mit der ökonomischen Vernunft der Unternehmer, die knallhart rechnen und sagen: Wenn wir die Risiken nicht in den Blick nehmen, könnten wir riesige Verluste einfahren.
Sie beklagen Wahrnehmungsdefizite, die sich die Menschheit leiste. Was meinen Sie damit?
Wir suchen zu selten den Kontakt zur Natur. Die meisten von uns halten sich überwiegend in Innenräumen auf. Gut 30 Prozent der Deutschen leben in Großstädten, viele Gartenbesitzer haben nichts als Rollrasen oder Schotter vor der Tür. Wie soll man da mitbekommen, dass Feldhamster, Feldhasen, Feldlerchen, Rebhühner, Kiebitze, Rotbauchunken, Fledermäuse, Apollo-Falter, Arnika oder Adonisröschen verschwinden? Gleichzeitig erlauben wir uns eine hartnäckige Blindheit für die Tatsache, dass wir existenziell auf die Natur angewiesen sind.
Dennoch sagen Sie, dass Schwarzmalerei trotz der kritischen Situation nicht angebracht sei. Sie sprechen von „bending the curve“ – der Chance, die Kurve noch zu kriegen. Woher dieser Optimismus?
Das ist kein Wunschdenken, sondern nüchterne Biodiversitätsmodellierung, in der durchgerechnet wurde, mit welchen Maßnahmen die Kurve noch zu bekommen ist: Einrichtung und gutes Management von Schutzgebieten sowie Renaturierung, biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft und ein nachhaltigerer Konsum, was im Wesentlichen einen geringeren Fleischkonsum sowie weniger Lebensmittelverschwendung bedeutet.
Es ist Frühling, die Natur erwacht. Gartenbesitzern legen Sie eine „gesunde Form der Unordnung“ ans Herz, um Biodiversität zu fördern und zu vermehren. Was heißt das?
In Deutschland gibt es schätzungsweise 17 Millionen Gärten. Sie bilden zwar nur zwei Prozent der Landesfläche, aber sie spielen eine wichtige Rolle als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und können einen wesentlichen Beitrag zur Artenvielfalt leisten, wenn sie naturnah gestaltet werden: Strukturvielfalt mit heimischen Sträuchern, blühende Wiesen mit vielen verschiedenen Arten, vielleicht ein Reisig- oder Totholzhaufen. Dann sind auch bald die Igel wieder da, die Schmetterlinge, das Summen der Bienen … Lösungen für die Förderung der Biodiversität sind gar nicht so schwierig, wie viele befürchten.
Das Gespräch führte Doro Kammerer
Diesen Beitrag finden Sie in unserem Magazin natürlich gesund und munter 01/2026