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Kolumne: Medizin ohne Maßstab

Kolumne von Dr. med. Volker Schmiedel, seit 31 Jahren als Arzt tätig, Autor zahlreicher naturheilkundlicher Bücher für Therapeuten und Laien, beleuchtet für uns aktuelle Fragen des Gesundheitswesens.

HYPE UM DAS VITAMIN D – Stiftung Warentest warnt vor Vitamin D-Pillen! Experten warnen vor teuren und unnötigen Vitamin-D-Messungen. Immer mehr Geld werde für Vitamin D ausgegeben, was nichts bringe oder im schlimmsten Fall sogar
gefährlich sei. Es sollte keine Vitamin-D-Einnahme ohne ärztliche Begleitung erfolgen. Der Konsum von Vitamin D steige immer weiter, und damit der Profit der gierigen Vitamin-D-Industrie. Haben Sie solche und ähnliche Schlagzeilen und Warnungen in letzter Zeit auch gelesen oder gehört?

Ich habe mir die genauen Zahlen besorgt: 2017 gaben Bundesbürger ganze 98 Millionen Euro für Vitamin D aus, was eine Steigerung um 13,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutete. Ja, ich muss zu-geben, ich finde die Zahlen auch erschreckend, allerdings aus anderen Gründen. Tatsächlich besorgniserregend ist nicht wie viel, sondern wie wenig Vitamin D genommen wird, trotz überwältigender Datenlage. Nach Angaben des Robert Koch Instituts hat fast die Hälfte aller Bundesbürger einen Vitamin-D-Mangel, jeder siebte weist sogar ein massives Defizit auf. Und was macht die unterversorgte Bevölkerung? Sie gibt im Jahr pro Person etwas mehr als 1 Euro für Vitamin D aus, – und davor wird auch noch gewarnt.

Wo sind denn die Warnungen vor den hohen Umsätzen anderer Präparate? Auch hierzu habe ich Daten gesammelt, was allerdings gar nicht so leicht war. Pro Jahr werden in Deutschland 1,5 Milliarden Tages­dosen Psychopharmaka mit einem Umsatz von 1,7 Milliarden Euro verordnet. Das entspricht 21 Tagesdosen pro Versichertem. Und mehr als fünf Prozent von ihnen stehen ständig unter Psychopharmaka. Davor warnt niemand. Nebenbei: Vitamin-D-Mangel trägt zu Depressionen bei. Ich habe viele Depressive mit Hilfe von Vitamin D (und anderen Nährstoffen) von ihren Psychopharmaka befreien können. Und Statine? Allein der Marktführer Crestor® hatte einen Jahresumsatz von 8,15 Milliarden US-Dollar weltweit. Dabei sollte ein Medikament, welches nachweislich nicht selten zu Diabetes, Muskel- und Leberschäden führt, nur mit einer sehr strengen Indikation verordnet werden. Etwa 90 Prozent meiner Patienten unter Statineinnahme könnten auf diese verzichten – und zwar nicht, weil ich so chemiefeindlich wäre, sondern weil ich mich an die schulmedizinischen Leitlinien für die Statinverordnung halte: Behandelt werden sollte nur, wer schon eine kardio-vaskuläre Erkrankung oder ein Herzinfarktrisiko von mehr als 20 Prozent in den nächsten zehn Jahren aufweist. Das kann man mit entsprechenden Risikorechnern herausfinden (dauert keine fünf Minuten, aber die haben die Ärzte oft nicht), und danach müssten die meisten nicht mehr behandelt werden. Und diejenigen, die wirklich ein Statin benötigen, sind mit den nebenwirkungsarmen und gleich effizienten Präparaten aus Rotem Reis genauso gut versorgt (außer, dass sie diese selbst bezahlen dürfen). Aber vor den hohen Umsätzen von Vitamin D wird gewarnt – das verstehe wer will. 

Diesen Beitrag finden Sie in Ausgabe 6/2019

 

Foto: pixabay

 

Tags: ausgabe619
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