Wild wachsende Latschen- und Zirbelkiefern liefern den Ausgangsstoff für duftendes, naturreines ätherisches Öl. Ihre Nutzung ist gleichzeitig eine Form der naturnahen Landschaftspflege. Im Südtiroler Sarntal wird sie seit Jahrhunderten betrieben – zum Wohl von Mensch und Natur.
Schwer bepackt stapfen Patrick Thaler und sein Vater Georg im Südtiroler Sarntal über eine sommerliche Bergalm und transportieren auf ihren Rücken große Bündel von Latschenkiefernzweigen in Richtung Tal. Die Thalers sind Bergbauern der ganz besonderen Art: Sie ernten die Zweige von Nadelbäumen – vor allem von wild wachsenden Latschen- und Zirbelkiefern, in geringerem Umfang auch von Fichten, Weißtannen und Lärchen – und destillieren daraus in ihrer familieneigenen Latschenölbrennerei kostbare ätherische Öle. „Als mein Opa das Familienunternehmen vor rund 100 Jahren gegründet hat, wurde eigentlich nur das ätherische Öl der Latsche gewonnen. Damit hat alles angefangen“, erzählt Patrick, der die Destille vor acht Jahren von seinem Vater übernommen hat und sie nun gemeinsam mit seiner Frau Evi in der dritten Generation betreibt. „Latschenkiefernöl war damals eines der wenigen medizinischen Hausmittel, die jeder Bauernhof zu Hause hatte.“ Das lang hingestreckte, von Bozen bis zum Penser Joch verlaufende Sarntal war einst von der ärztlichen Versorgung weitgehend abgeschnitten. Hier sei das Öl eine Art Allheilmittel gewesen, denn man habe schon früh gemerkt, wie wohltuend die Latsche bei allen möglichen Arten von Entzündungen sei.
Ernte im Einklang mit der Natur
Latschenkiefern wachsen ausschließlich oberhalb der Baumgrenze, von 1800 Metern an aufwärts und bis in eine Höhe von 2400 Metern. Auf den hochalpinen Almen des Sarntals sind die strauchförmigen Gewächse weit verbreitet. Dazwischen erheben sich die hochgewachsenen Zirben. Bergalmen wie diese gehören mit ihren alpinen Wiesen und der Latschen-Alpenrosen-Heide, einem Mosaik aus Sträuchern, Zwerggehölzen und offenen Flächen, zu den artenreichsten Lebensräumen Europas.
Diese außergewöhnliche Biodiversität durch Wildsammlung zu schützen, ist ein äußerst willkommener „Nebeneffekt“ der Latschenkiefernernte. Denn sie geschieht kontrolliert im Einklang mit der Natur und in enger Abstimmung mit der Forstbehörde und den Bauern, die die Almen bewirtschaften. „Jede Alm hat einen Forstwirtschaftsplan, der für zehn Jahre abgeschlossen wird, und die Forstbehörde berechnet, wieviel in diesen zehn Jahren entnommen werden muss und maximal kann“, erläutert Patrick Thaler. Latschen schützen zwar einerseits vor Lawinenabgängen und befestigen mit ihrem Wurzelwerk die Hänge, andererseits sind sie aber auch extrem wuchsfreudig und wuchern die Wiesenflächen schnell zu. Zudem hemmen die Zwerggehölze mit ihren Wurzelausscheidungen und abfallenden Nadeln das Wachstum anderer Pflanzen. Sie sollten deshalb nicht überaltern. Geerntet werden hauptsächlich junge Latschenkiefern, die bis zu 30 Jahre alt sind. Sie treiben danach immer wieder neu aus, so dass sie im Laufe der Jahre mehrmals beerntet werden können. „Durch das Schlagen der Latschen schaffen wir Weideflächen für das Vieh und pflegen die Almen, die mit ihren von Bergblumen und Alpenrosen überzogenen Wiesen viele Wanderer und Erholungssuchende anziehen“, berichtet der Sarntaler weiter und betont: „Wir sind nicht die Dolomiten, haben also keine sehr hohen Felsberge, aber die Region ist wunderschön und ideal für alle, die die Ruhe genießen möchten. Und weil die Almen gepflegt sind, hat man eben auch viel Raum, in dem man die vielfältige Natur erleben kann.“
Vom Berg in die Destille
Geerntet werden sowohl die Latschenkiefer wie auch die Zirbelkiefer von der Schneeschmelze bis zum nächsten Schnee. Patrick Thaler: „Wir sind also immer ein bisschen davon abhängig, wie viel es im Winter geschneit hat und wie lange der Schnee im Frühjahr liegen bleibt.“ Meist ab Mai werden die Zweige geschlagen und anschließend eine gewisse Zeit an Ort und Stelle liegen gelassen, damit sie ein bisschen austrocknen können. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen ist danach die Ausbeute an Öl höher und das Aroma des ätherischen Öls intensiver, zum anderen wiegt das getrocknete Material weniger. „Die Latschen wachsen in einem sehr unwegsamen Gelände, und die geernteten Zweige müssen von dort mit Körperkraft oder mithilfe einer Drahtseilbahn zu einem Sammelplatz transportiert werden“, erklärt Patrick weiter. Am Sammelplatz werden sie klein gehäckselt, zur Brennerei gefahren und sofort weiterverarbeitet.
Um einen Liter ätherisches Öl zu destillieren, braucht man rund 500 Kilogramm gehäckselte Latschenkiefernzweige oder etwa 400 Kilogramm Zirbenäste. Bei der Latsche sitzen die Öle vor allem in den Nadeln und in der harzigen Rinde der jungen Zweige, bei der Zirbe in den Ästen und Nadeln der Baumkrone. Sie werden von den Kiefern gebildet, um sich vor den extremen Wetterverhältnissen in den Bergen zu schützen, angefangen bei Kälte, Schnee und eisigem Wind im Winter bis hin zu Hitze, Trockenheit und intensiver Sonnenlicht- und UV-Einstrahlung im Sommer. Durch die extremen Bedingungen, denen die Pflanzen in den hochalpinen Lagen ausgesetzt sind, werden sie gewissermaßen gezwungen, sehr kraftvolle Abwehrmechanismen zu entwickeln, in diesem Fall ist es das ätherische Öl. Diese Kraft kommt dann auch all jenen zugute, die das Öl zum Wohle ihrer Gesundheit nutzen. In der Brennerei werden die gehäckselten Zweige und Nadeln in einen Kessel gefüllt, in den von unten heißer Wasserdampf eingeleitet wird. „Der Dampf steigt auf und arbeitet sich rund anderthalb Stunden lang nach oben “, beschreibt Patrick den Destillationsprozess. „Dabei nimmt er die ätherischen Öle aus den Nadelbaumhäckseln mit.“ Anschließend wird die Dampf-Öl-Mischung mit kaltem Wasser wieder heruntergekühlt. Dabei kondensieren der Dampf und das ätherische Öl und rinnen langsam in ein Gefäß. Das leichtere Öl setzt sich oben auf dem schwereren Wasser ab und kann abgeschöpft werden. „Abfallprodukte fallen bei diesem ganzen Vorgang so gut wie keine an“, erklärt der Brennereibetreiber. „Wir verarbeiten alle Äste, Zweige und Nadeln, die wir geerntet haben, das Häckselmaterial, dem das Öl entzogen wurde, wird zum Beheizen des Brennofens genutzt, und das während des Brennvorgangs verwendete Wasser wird anschließend in den Bach zurückgeleitet. Übrig bleiben am Schluss nur ein paar Handvoll Asche.“
Nach der Destillation wird das gewonnene Öl gefiltert und für mindestens sechs Monate im Reifekeller gereift. Erst hierbei entwickelt sich der typische Latschen- oder Zirbenduft. Danach wird das ätherische Öl an die Kunden ausgeliefert.
Latsche oder Zirbe?
Latsche und Zirbe gehören beide zur Gattung der Kiefern. Sie unterscheiden sich aber deutlich in Wuchsform, Duft und Wirkung.
- Die Latsche (Pinus mugo)
ist ein widerstandsfähiger immergrüner, strauchartiger und niedrig wachsender Nadelholzbaum. Sie besiedelt raue Standorte nahe der Baumgrenze und schützt Hänge vor Erosion und Lawinen. Ihr ätherisches Öl riecht frisch, waldig-harzig und befreiend. Es wirkt antibakteriell, immunstimulierend und schmerzlindernd, löst Schleim und fördert die Durchblutung. Deshalb kommt es vor allem bei Muskel- und Gelenkschmerzen sowie bei Erkältungen zum Einsatz. - Die auch Zirbe genannte Zirbelkiefer (Pinus cembra)
ist ein langsam wachsender Hochgebirgsbaum. Die „Königin der Alpen“ kann bis zu 25 Meter hoch und 1000 Jahre alt werden und ist für ihr aromatisches Holz bekannt. Ihr ätherisches Öl duftet weich, warm und beruhigend. Es verbessert die Schlafqualität, wirkt stress- und angstreduzierend und verleiht Mut und Kraft. Zirbenholz und Zirbenöl werden besonders für Wohnräume und zur Entspannung geschätzt.
Wohltat für Körper und Seele
Maria von Känel zählt zu den Abnehmern. Die Aromaexpertin und Anwenderin ätherischer Öle legt großen Wert darauf, nicht nur die Herkunft des Öls genau zu kennen, sondern auch, dass der Umgang mit der Natur schonend stattfindet.
Die ätherischen Öle von Latschenkiefer und Zirbelkiefer werden in der Aromatherapie wie auch in der Naturkosmetik verwendet. Ihre Hauptinhaltsstoffe sind Pinene, natürliche chemische Verbindungen aus der Gruppe der Monoterpene. „Auch wenn es bei diesen Kiefernadelölen großteils die gleichen sind, unterscheiden sie sich in den Nuancen und damit auch in der Anwendung und in ihrem Duft“, erklärt von Känel.
Die Latsche riecht waldig-harzig und sehr frisch und klar. Sie enthält neben den Monoterpenen auch das Ester Bornylacetat, das für seine entzündungshemmenden, entkrampfenden, durchblutungsfördernden und schmerzlindernden Effekte bekannt ist. Viele kennen diese Wirkung von Franzbranntwein, einer traditionellen Einreibung zur Förderung der Durchblutung der Haut und zur Linderung von Muskel- und Gelenkproblemen. In der Erkältungszeit trägt das ätherische Öl der Latsche dazu bei, dass man besser atmen kann. Es findet sich deshalb auch in Badezusätzen, Rachensprays, Erkältungsbonbons und Einreibungsmitteln für den Brustbereich. „Bei meiner Oma gab’s bei Halsschmerzen und Husten immer Honig mit Latschenkiefernöl“, erzählt der Südtiroler Patrick Thaler. „Und bei meiner Familie mache ich das genauso.“
Traditionell wird Honig mit Latschenkiefernöl auch als allgemeines Stärkungsmittel genutzt (dieses und weitere Hausmittel-Rezepte siehe Kasten auf der linken Seite). Es hilft bei verzögerter Genesung oder wenn man sich einfach nicht fit fühlt.
Während die Latsche vor allem eine körperliche Wirkung entfaltet, punktet die Zirbe mit ihrem eher als warm und balsamisch empfundenen Duft zusätzlich bei seelischen und psychischen Themen. „Bekannt geworden ist die Zirbelkiefer als Möbelholz, da man in damit gefertigten Schlafzimmern besonders gut schlafen soll“, erklärt Maria von Känel. Der Duft des Zirbenholzes hilft, zur Ruhe zu kommen. „Das ätherische Öl aus den Nadeln unterstützt wiederum die Atemfunktion und lässt uns tiefer atmen, was dazu führt, dass man entspannt und Stress besser loslassen kann“, erklärt die Aromaexpertin und fügt hinzu: „Grundsätzlich hat die Zirbe auch schleimlösende Eigenschaften und ist toll für empfindliche Menschen.“ Gerade Kindern, die dem intensiven Geruch der Latsche oft nur wenig abgewinnen können, kann die Zirbelkiefer in der Erkältungszeit wunderbar helfen. „Hat meine Tochter Schnupfen, gebe ich einfach einen Tropfen des Öls auf ein Papiertuch und lege es neben ihr Bett“, berichtet Känel aus ihrem Familienalltag. „Schon das hilft ihr, besser und freier zu atmen.“ Dazu kommt der unverwechselbare, sanfte Duft, der ein behagliches Gefühl vermittelt und den allermeisten Menschen gefällt. In einem mit Zirbenöl bedufteten Raum fühlt man sich einfach rundum wohl.
DIY-Rezepte mit Latschenkiefern- und Zirbenöl
- Gelenk-Massageöl:
Geben Sie 4 Tropfen Latschenkiefer, 3 Tropfen Copaiba und 4 Tropfen Mandarine grün in 10 ml Johanniskrautöl und reiben Sie Ihre schmerzenden Gelenke mit sanft kreisenden Bewegungen damit ein. Die Kombination aus diesen drei Aromaölen aktiviert und wirkt antientzündlich. Hochwertige ätherische Öle wie diese bekommen Sie beispielsweise bei Primavera. - Erdendes Körperöl für den Abend:
Mischen Sie dafür 2 Tropfen Zirbelkiefer bio und 1 Tropfen Lavendel fein bio mit 10 ml Mandelöl bio, und tragen Sie das beruhigende Körperöl vor dem Zubettgehen auf die Haut an Brust und Füßen auf. Sanft einmassieren. - Franzbranntwein:
Mischen Sie 50 ml Zirbelkiefer Zederwasser (Pflanzenhydrolat) mit 10 Tropfen Latschenkiefer, 5 Tropfen Pfefferminze und 5 Tropfen Rosmarin Campher in einer 50 ml fassenden Leerflasche mit Sprühkopf. Diese Art von „alkoholfreiem“ Franzbranntwein ist eine schnell einziehende und kühlende Einreibung für den beanspruchten Körper und allerlei Zipperlein. - Klärendes Raumspray:
Geben Sie 20 Tropfen (ca. 1 ml) ätherisches Öl Zirbelkiefer sowie 10 Tropfen (ca. 0,5 ml) ätherisches Öl Zitrone in 5 ml hochprozentigen Alkohol (z. B. 70% Wodka oder Ethanol). Diese Mischung kommt in eine 50 ml Sprühflasche und wird mit abgekochtem, abgekühltem Wasser aufgefüllt. Sie reduziert unangenehme Gerüche, etwa Raucherluft und stickige Luft im Auto oder im Hotelzimmer. Vor dem Sprühen in den Raum die Flasche jeweils gut durchschütteln. - Selbstgemachter Latschenkiefer-Honig:
Mischen Sie unter 100 ml Honig in Bioqualität (idealerweise aus Ihrer Region) bis zu 40 Tropfen (ca. 2 ml) ätherisches Öl Latschenkiefer sowie bis zu 20 Tropfen (ca. 1 ml) Propolis Extrakt. Zur Unterstützung bei Abgeschlagenheit und zur Stärkung in der Erkältungszeit können Erwachsene als 6-Wochen-Kur täglich 1–2 Tl davon im Mund zergehen lassen, bei akuten Halsschmerzen bis zu 6 Tl am Tag als „Halsbonbon“ lutschen.
Zusatztipp:
Wenden Sie die ätherischen Öle nicht pur an und kaufen Sie sie nur in kleinen Fläschchen und nicht in riesigen Mengen. So haben Sie immer ein frisches ätherisches Öl zur Hand.
Diesen Beitrag lesen Sie auch in unserem Magazin natürlich gesund und munter 05/2026
Foto: Sandra Brunner