Wenn sich der Körper selbst angreift

Heuschnupfen, Neurodermitis, Hashimoto, Rheuma oder Multiple Sklerose – immer mehr Kinder und Erwachsene sind betroffen. Allergien und Autoimmunerkrankungen nehmen seit Jahrzehnten zu, und so unterschiedlich die Diagnosen auch sind, sie teilen eine gemeinsame Ursache: ein Immunsystem, das auf harmlose Reize überreagiert. Doch die Immunforschung versteht immer besser, was die Fehlreaktionen auslöst – und wie sich das Gleichgewicht im Organismus wiederherstellen lässt. Ganzheitliche Konzepte setzen vermehrt darauf, Steuermechanismen zu regulieren und die körpereigenen Barrieren zu stärken.

So unterschiedlich die Beschwerden bei Allergien und Autoimmunerkrankungen sind, sie haben eine gemeinsame Ursache: ein fehlgeleitetes Immunsystem. Offenbar hat es die Fähigkeit verloren, angemessen zu unterscheiden und zu reagieren. Die Folge: Der Freund wird als Feind erkannt, Reize werden überschätzt, die Entzündung wird zum Dauerzustand.

Unter solchen „Fehlkalibrierungen“ leiden Millionen – Tendenz steigend. Während außer Kontrolle geratene Immunreaktionen noch vor 100 Jahren selten waren, haben sie sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Heute leidet jeder fünfte Erwachsene und jedes vierte Kind an mindestens einer Allergie. Rund sechs Milli-onen Menschen in Deutschland sind zudem von Autoimmunerkrankungen betroffen, hinzu kommen mehrere Hunderttausend mit chronisch-entzündlichen Darm­erkrankungen. Die genauen Ursachen dieses irrlichternden Immunalarms sind noch nicht abschließend geklärt, wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren zusammen. Diskutiert werden bestimmte Infektionen, gestörte Körperbarrieren, ein verarmtes Mikrobiom, eine erhöhte Entzündungsaktivität, eine unzureichende Immunregulation, Verschiebungen im erworbenen Immunsystem, Gewebestörungen, spezifische Trigger sowie Antigenverwechslungen wie Kreuzallergien. Auch die genetische Veranlagung, psychische Belastungen, Umweltgifte und, zumindest bei Allergien, eine übermäßige Hygiene spielen offenbar eine Rolle. Sterile Innenräume, industrielle Ernährung, Dauerstress und Umweltbelastungen – es scheint, als setzten sie, einzeln oder zusammen, ein System unter Druck, das eigentlich von Vielfalt, Reibung und Training lebt. Die Immunforschung konzentriert sich deshalb nicht nur auf die fehlgeleitete Abwehr, sondern zunehmend auf die Stärkung des in der Regulation gestörten Immunsystems.

Fehlreaktionen des Immunsystems

Bei Allergien richtet sich die Supermacht Immunsystem gegen an sich Harmloses wie Birkenpollen in den Atemwegen oder Erdnusseiweiß im Verdauungstrakt. Autoimmunerkrankungen entstehen, wenn das Immunsystem die Fähigkeit verliert, zuverlässig zwischen „fremd“ und „eigen“ zu unterscheiden. Statt Krankheitserreger zu bekämpfen, richtet sich die Abwehr gegen körpereigene Zellen, Gewebe oder Organe. Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, welches System betroffen ist. Einige Autoimmunerkrankungen kommen besonders häufig vor.

>> Bei einer Hashimoto-Thyreoiditis greift das Immun­system die Schilddrüse an und zerstört nach und nach ihr Gewebe. In der Folge entsteht meist eine Schilddrüsenunterfunktion mit Symptomen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit und Konzentrationsstörungen. Hashimoto ist insgesamt die häufigste Autoimmunerkrankung und betrifft überwiegend Frauen.

>> Die rheumatoide Arthritis ist ebenfalls sehr verbreitet. Hier richtet sich die Immunreaktion gegen die Gelenkinnenhaut. Es kommt zu schmerzhaften Entzündungen, Schwellungen und Morgensteifigkeit, meist symmetrisch an Händen und Füßen. Unbehandelt kann die Erkrankung zu dauerhaften Gelenkschäden führen.

>> Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Das Immunsystem greift die schützenden Myelinscheiden der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark an. Dadurch werden Nervenimpulse gestört, was sich unter anderem in Sehstörungen, Lähmungen, Gefühlsstörungen und ausgeprägter Erschöpfung äußern kann. Der Verlauf ist häufig schubweise.

Die ganzheitliche Idee vom biologischen Selbst

Das Immunsystem ist darauf programmiert, alles zu erkennen, was zum eigenen Körper gehört, also Zellen, Gewebe und Moleküle mit der richtigen „biologischen Signatur“. Dieses Erkennen des Eigenen nennt man das biologische Selbst – und von diesem Selbst hat der Körper eine sehr genaue Vorstellung, einen bis ins Detail ausformulierten Bau- und Funktionsplan, der zum Großteil in unser Erbgut eingeschrieben ist. Diese Bio-Idee ist individuell und einmalig. Zwar wandelt sie sich im steten Austausch mit der Umwelt, sie bleibt aber immer sie selbst.

Aufgabe des Immunsystems ist es, die korrekte Umsetzung der Idee vom biologischen Selbst zu überwachen. Es bestimmt, wann etwas nicht mehr den Vorgaben entspricht, und es beauftragt sich selbst mit der Beseitigung des Störenden. Die offensichtlichste Übertretung geschieht, wenn fremde Gene, Bakterien und Viren in den Körper eindringen. Aber auch jedes Mal, wenn Gewebe untergeht, statt planmäßig runderneuert zu werden, rauscht das Immunsystem herbei und stachelt eine Entzündung an. Und dabei lässt es nicht mit sich handeln. Das Immunsystem ist nur der Idee vom Selbst verpflichtet. Es kennt keine Interessenabwägung und verteidigt diese Idee – auch um den Preis der völligen Selbstzerstörung.

>> Beim Diabetes mellitus Typ 1 zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse. Der Körper kann kein Insulin mehr herstellen, was zu dauerhaft erhöhten Blut-
zuckerwerten führt. Die Erkrankung beginnt oft im Kindes- oder Jugendalter und erfordert eine lebenslange Insulintherapie. Typ-1-Diabetes ist klar von dem weit häufigeren Typ-2-Diabetes zu unterscheiden, der keine Autoimmunerkrankung ist.

>> Die Psoriasis (Schuppenflechte) ist ebenfalls ­eine weit verbreitete Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem beschleunigt die Erneuerung der Hautzellen stark, wodurch entzündliche, schuppige Hautveränderungen entstehen. Bei einem Teil der Betroffenen sind auch die Gelenke beteiligt, man spricht dann von einer Psoriasis-Arthritis.

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Illustration: Meranna/iStock.com

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