Längst sind die winzigen Kunststoffteilchen in unseren Lebensmitteln angekommen, oft unbemerkt und unsichtbar. Sie wollen Ihre persönliche Belastung deutlich reduzieren? Dann sind Aufmerksamkeit und ein paar kluge Entscheidungen im Alltag wirkungsvolle erste Schritte.
E ine herumfliegende Plastiktüte oder verstreutes Einmalgeschirr – sie wirken harmlos und halten ewig. Die von uns Menschen meist aus Erdöl kreierten Materialien widersetzen sich den Stoffkreisläufen und verweigern sich dem Naturgesetz vom Werden und Vergehen. Kunststoffe sind kaum noch aus der Welt zu bekommen, denn den zersetzenden Mikroorganismen fehlen meist die Werkzeuge, um die neuen, der Natur unbekannten Verbindungen der synthetischen Stoffe zu knacken. Stattdessen zerfallen Plastikprodukte langsam zu winzigen Kunststoffteilchen und infiltrieren die belebte Welt. Bereits 1972 wurde Mikroplastik im Oberflächenwasser der Ozeane nachgewiesen.
Der Nachschub an „Ausgangsmaterial“ scheint unermesslich. Etwa elf Millionen Tonnen Plastik finden jedes Jahr den Weg in Flüsse, Seen und Meere. Sie gelangen als Mikroplastik in die Nahrungskette und damit auch in den menschlichen Organismus. Inzwischen weisen zahlreiche Studien auf mögliche Gesundheitsrisiken bei hoher Mikroplastik-Belastung hin (siehe Kasten Seite 47). Die Hauptbelastung mit Mikroplastik im menschlichen Organismus stammt aber nicht aus der Nahrung selbst, sondern gelangt von Plastikverpackungen und Kunststoffgeschirr in den Körper – und das ist genau der Teil, den Sie ohne allzu großen Aufwand reduzieren können.
Mikroplastik-Tsunami aus Verpackungen und to-go-Geschirr
Mikroplastik entsteht, wenn größere Kunststoffteile zerfallen oder sich kleinste Partikel direkt aus Materialien lösen. Besonders kritisch wird es, wenn Verpackungen unter Stress geraten: Hitze, UV-Licht und mechanische Reibung können dazu führen, dass sich eine regelrechte „Wolke“ aus Mikro- und Nanoplastik sowie chemischen Begleitstoffen aus dem Material löst und in Lebensmittel oder Getränke übergeht.
Viele kennen das Phänomen: Eine Plastikflasche, die im Sommer im Auto liegen geblieben ist, verändert den Geschmack des Mineralwassers deutlich. Hier zeigt sich, wie sensibel Kunststoff auf äußere Einflüsse reagiert. Besonders eindrücklich belegen das Untersuchungen zu Mikrowellen-Verpackungen: Behälter, die ausdrücklich als „mikrowellengeeignet“ beworben werden, können beim Erhitzen enorme Mengen an Mikroplastik freisetzen. Bis zu 2,11 Milliarden Nanoplastik-Partikel pro Quadratzentimeter lösten sich in einer Studie schon nach drei Minuten Aufwärmzeit. Wenn Hersteller damit werben, die Verpackung sei „mikrowellengeeignet“, dann bedeutet das nur, dass die Verpackung in dem Gerät nicht schmilzt. Auf einen möglichen Stoffaustausch zwischen Verpackung und Nahrungsmitteln bezieht sich das nicht. Auch Säure – etwa in Fruchtsäften, Essig oder fermentierten Lebensmitteln – sowie Fett oder scharfe Gewürze können Kunststoffe „freigiebig“ machen und den Übergang von Partikeln und chemischen Stoffen in die Nahrung fördern.
Bewusst entscheiden
Mikroplastik komplett zu vermeiden, ist heute kaum möglich. Doch wer die größten Quellen kennt und gezielt umgeht, kann seine Belastung deutlich senken. Es sind die vielen kleinen Entscheidungen im Alltag, die zählen. Und jede davon ist ein Schritt hin zu mehr Kontrolle über das, was wir täglich zu uns nehmen – oder eben nicht.
>> Glas ist gut – aber nicht perfekt
Als gute Alternative zu Kunststoff gelten Materialien wie Glas, Edelstahl oder Keramik – und das zu Recht. Sie geben deutlich weniger Stoffe an Lebensmittel ab. Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick. So zeigte eine französische Studie, dass Getränke aus Glasflaschen teilweise stärker mit Mikroplastik belastet waren als solche aus Plastikflaschen. Der Grund lag nicht im Glas selbst, sondern in den Deckeln: Reiben die Verschlüsse gegeneinander, bevor sie auf die Glasflaschen gesetzt werden, werden Farbpartikel samt Mikroplastik abgekratzt und gelangen beim Abfüllprozess in die Flaschen. Ein weiterer, oft übersehener Punkt: Auch beim Öffnen und Schließen von Flaschen entsteht Abrieb. Wenn Sie direkt aus der Flasche trinken, nehmen Sie diese Partikel immer wieder auf. Besser ist es, Getränke in ein Glas zu gießen und die Flasche zwischendurch locker mit Naturkorken zu verschließen.
Ein weiteres Problem: Viele Deckel von Glasbehältern haben innen eine Kunststoffdichtung. Sie sorgt dafür, dass nichts ausläuft und keine Keime eindringen, kann aber ebenfalls Stoffe abgeben, besonders bei säurehaltigen oder fetthaltigen Inhalten. Ist der Dichtungsring im Deckel des Joghurtglases blaufarbig, dann wurde statt PVC immerhin ein Kunststoff verwendet, der ohne Weichmacher wie Phthalate elastisch ist. Trotz dieser Schwachstellen ist Glas im Vergleich mit Plastikflaschen die deutlich bessere Wahl. Auch unterwegs benutzen Sie Plastikflaschen besser nur in Ausnahmefällen. Metallflaschen oder leichte Borosilikat-Glas-Flaschen sind eine bruchresistente Alternative.
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