Wenn die Seele durch den Körper spricht

Mit Beschwerden ohne erkennbare Ursache beginnt für Betroffene nicht selten eine jahrelange Ärzte-Odyssee. Warum entwickelt unser Körper scheinbar grundlos Symptome, welche inneren Prozesse spielen eine Rolle und was kann wirklich helfen? Diesen Fragen widmet sich die Psychosomatik. Ihre Grundlage: Heilung beginnt, wo wir lernen, uns selbst zuzuhören.

Ein Ziehen im Bauch, ein Druck auf der Brust, ein Schmerz, der da ist, spürbar, echt und fordernd – und doch nicht zu erklären. Gelegentlich findet sich bei den Untersuchungen ein körperlicher Krankheitsfaktor wie eine Entzündung oder ein Tumor, der zumindest für den Beginn der Symptome mitverantwortlich ist. Sehr oft aber auch nicht. Und genau das ist ein Problem: Wenn es keine Hinweise darauf gibt, was die anhaltenden Beschwerden auslöst, verlaufen Therapieversuche durch den Hausarzt oder die diversen Fachärzte in vielen Fällen ergebnislos. „Das Leiden der Patienten geht dann auch über das Körperleiden hinaus“, schreibt Prof. Dr. Peter Hennigsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Klinikum rechts der Isar in München, in seinem Buch „Die neue Psychosomatik der Körperbeschwerden“ (Klett-Cotta). Die Betroffenen litten auch unter der unklaren Ursache der Beschwerden, am Gefühl fehlender Anerkennung des Leidens, an der Sorge, ein eingebildeter Kranker zu sein, an der Enttäuschung über die Ärzte, die nicht weiterwissen und nicht weiterhelfen. Hinzu komme ein verändertes Selbstbild sowie das Gefühl, ohnmächtig und nicht in der Lage zu sein, selbst etwas ändern zu können.

Funktionell oder psychosomatisch oder beides?

Funktionelle Beschwerden, so der medizinische Fachausdruck für körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache, sind keineswegs selten. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass in der Hausarztmedizin Körperbeschwerden zu einem Drittel funktioneller Natur sind, wovon wiederum ein Drittel so lange anhält, dass sie als krankheitswertig gelten. Auch in den Facharztpraxen von Orthopäden, Kardiologen, Gastroenterologen oder Neurologen haben im Durchschnitt mindestens 30 Prozent aller beklagten Symptome keine unmittelbaren körperlichen Ursachen. Je nach Ort der Beschwerden stehen dann Diagnosen auf dem Befund wie beispielsweise Wirbelsäulensyndrom (bei unklaren Rückenschmerzen), Reizdarmsyndrom (bei unklaren Verdauungsbeschwerden), Fibromyalgiesyndrom (bei gelenknahen Muskelschmerzen ohne Rheumazeichen) oder Tinnitus ohne organische Ursache.

Solche funktionellen Beschwerden werden häufig als „psychosomatisch“ bezeichnet. Doch das greift zu kurz. Funktionelle Beschwerden sind körperliche Symptome, für die sich trotz sorgfältiger Diagnostik keine eindeutige organische Ursache finden lässt. Die Psychosomatik erweitert diesen Blick und richtet die Aufmerksamkeit gezielt auf seelische Einflüsse wie Stress, innere Konflikte oder emotionale Belastungen, die körperliche Beschwerden auslösen oder verstärken können. Während „funktionell“ also zunächst beschreibt, dass keine organische Ursache gefunden wird, fragt die Psychosomatik danach, warum der Körper die Symptome entwickelt.

Der „Vater der Stressforschung“

Hans Selye (1907–1982) war ein österreichisch-kanadischer Mediziner und Endokrinologe. Er führte den Begriff „Stress“ in die Biologie ein und entwickelte das Drei-Phasen-Modell des allgemeinen Adaptationssyndroms, das beschreibt, wie der Körper auf Belastungen reagiert. Seine Forschung veränderte grundlegend das Verständnis dafür, wie Psyche, Hormone und Krankheiten zusammenhängen, und legte die Basis für die moderne Stressmedizin sowie wichtige Entwicklungen in Psychologie, Arbeitsmedizin und Psychoneuroendokrinologie.

Unterdrückte Gefühle als Auslöser

In der Praxis greifen beide Sichtweisen oft ineinander. Viele funktionelle Beschwerden haben psychosomatische Anteile – und umgekehrt zeigt sich psychosomatisches Erleben häufig in funktionellen Symptomen. Erst im Zusammenspiel beider Perspektiven entsteht ein ganzheitliches Verständnis für die Signale des Körpers. „Psychosomatische Beschwerden werden nach heutiger Sicht durch unterdrückte Affekte bewirkt, die bestehen bleiben, auch wenn das auslösende Gefühl nicht mehr wahrgenommen wird“, erklärt der Arzt und Psychotherapeut Martin Straube. So verschwinden zum Beispiel durch Ängste ausgelöste Beschwerden wie Atemnot, Enge in der Brust, Herzklopfen und Bluthochdruck nicht automatisch, nur weil die Ängste aus dem Bewusstsein verschwinden. „Die Heilung kann erst dann einsetzen, wenn man sich der verborgenen Angst wieder stellt und sie verarbeitet“, so Straubes Überzeugung. Das gelinge mit Hilfe der Psychotherapie. „Gute Gesprächsarbeit kann die verdrängten Affekte identifizieren und dabei helfen, die Gefühle anzunehmen, sie wieder leben zu lassen, sie zu regulieren und zu versorgen.“

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Foto: narumiaegis / AdobeStock.com; baonai / Stock.com

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