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Artgerecht denken

Keiner weiß mehr über essbare Wildpflanzen als Markus Strauß. Jetzt sagt der Bestsellerautor: Nur wenn die Menschheit bereit ist, von der Natur zu lernen, hat der Homo sapiens eine Zukunft.

 Wilden Pflanzen, die man essen kann, gilt Markus Strauß’ Leidenschaft. Er hält in ganz Deutschland Workshops über das, was gemeinhin als „Unkraut“ gilt, und klärt in bestsellerträchtigen Büchern über die gesunden Schätze auf, die unerkannt am Wegrand grünen und blühen. Mehr noch, seine Vision, essbare Wildpflanzen wieder in den Alltag zu holen, setzt er in mit seiner Stiftung Ess­bareWildpflanzenParks (www.ewilpa.net) in konkretes Handeln um. Den ersten Ewilpa mit Erlebniswanderweg hat er in diesen Tagen in der Oberpfalz eröffnet. Ob es tatsächlich möglich ist, sich in Europa als Selbstversorger mit Wildpflanzen zu ernähren, erprobte er, als er einige Zeit autark auf einem Hof im Südharz lebte. Wer sich jetzt einen verschrobenen Wurzelsepp vorstellt, liegt allerdings falsch. Dass Markus Strauß zu Beginn seiner Laufbahn als Berater für Wirtschaftsunternehmen tätig war und heute als Vortragsredner und TV-Experte gefragt ist, erfahren seine Besucher bei der Begegnung unmittelbar. Ein sympathischer Gastgeber empfängt uns im Allgäu zum Interview. Als Aperitif gibt es eine ausführliche Einführung in die Botanik und ökologische Geschichte dieser idyllischen Gegend. Und zur Belohnung eine Einladung zum Mittagstisch.

natürlich gesund und munter: Herr Strauß, was werden Sie uns servieren?
Markus Strauß: Heute gibt es Löwenzahnblütencurry. Ich mische Blütenköpfe und Knospen vom Löwenzahn mit Möhren und Staudensellerie sowie Zwiebeln, Knoblauch, ein wenig Zitronensaft. Das Ganze kommt an einer Kokos-Curry-Soße mit Hirse.

Und davon kann man satt werden?
Ja! Das werden Sie nachher erleben. Dieses Gericht hat eine wunderbare Textur, man hat was zu kauen, und es hat einen hohen Nährwert. Man wird sehr gut satt, auch, weil viele Bitterstoffe drin sind. Das Bittere wird bei uns, im Gegensatz zum Ayurveda, viel zu wenig beachtet. Ich mische Löwenzahn gern  mit etwas, das lieblicher schmeckt, etwa mit Möhre, damit alle fünf Geschmacksrichtungen angesprochen werden. Bei meinen Kochkursen stelle ich fest, dass die Leute aus dem Staunen nicht herauskommen, wenn ich sie mit natürlichen Bitterstoffen konfrontiere, und damit, wie diese das innere Gleichgewicht wieder herstellen.

Inneres Gleichgewicht?
Inneres Gleichgewicht der Verdauung. Das Bittere aktiviert die Entgiftung, und es bewirkt Gewichtsreduktion. Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse warten nur darauf, dass sie von uns wieder mal ein Signal bekommen, das Sie in verarbeiteten Nahrungsmitteln und gezüchteten Kulturpflanzen kaum finden.

Sie waren seit früher Jugend von Wildpflanzen fasziniert. Nun beschäftigen Sie mit deren Bedeutung für unsere Gesundheit – weshalb?
Das kam über einen ganzheitlich verstandenen Yoga. Auch meine vielen Forschungsprojekte in Asien haben meine Einstellung zur Wechselwirkung von Ernährung und Gesundheit nachhaltig geprägt. Ich habe einfach viel ausprobiert und bei mir und anderen bemerkt, wie gut es uns dabei geht. Das hat meine Neugier geweckt.

Wer kommt zu Ihnen, um in Ihren Kursen mehr über essbare Wildpflanzen zu erfahren?
Wir bieten die Kurse seit fünf Jahren an, in dieser Zeit hat sich das Profil der Interessenten stark verändert. Zunächst waren es vor allem Heilpraktiker, dann kamen immer mehr Ärzte dazu und jetzt ist es so, dass das Publikum sehr breit gefächert ist: Gastronomen, Köche, Forstleute, Tourismusexperten, Pädagogen, aber auch Rechtsanwälte, Banker, Baufachleute.

Baufachleute?
Es freut mich besonders, dass nun auch Stadtplaner mit dabei sind, da aus der Bevölkerung heraus immer drängender gefragt wird, was die Städte und Gemeinden tun, um mehr „lebendiges“ Grün für Mensch und Tier zu schaffen – hier ist das Thema Bienensterben besonders relevant.

Von der Erforschung essbarer Wildpflanzen über Kurse und Bücher zu ganzen Wildpflanzenparks: es scheint, als hätten Sie Ihren Lebensinhalt gefunden.
Eigentlich mache ich heute genau wieder, was ich als kleiner Bub im Grundschulalter schon gerne gemacht habe: draußen sein, gärtnern, graben, pflanzen, mich mit Bäumen beschäftigen. Das beglückt mich sehr. Mein Weg hatte sich allerdings zunächst von diesem kindlichen Urzustand wegentwickelt. Ich denke, das ist auch ganz normal. Ich wollte die Welt entdecken, habe alle Klimazonen bereist und in unterschiedlichsten sozialen Milieus gelebt – im Luxushotel und im DAX-Konzern ebenso wie im Slum in Indien und in Hütten im Himalaja.

Wann entstand die Idee, Parks für essbare Wildpflanzen aufzubauen?
Das war ein echter Bewusstwerdungsprozess. Nach meinen Tätigkeiten in der  Forschung, an der Universität, in der Entwicklungshilfe und auch in der Finanz­industrie kam eine Phase der Orientierungslosigkeit. Ich stieg aus und zog mich auf einen Selbstversorger-Hof zurück. Da ist mir die Bedeutung und auch die gesellschaftliche Relevanz von essbaren Wildpflanzen als Ressource klar geworden. Durch viele Gespräche habe ich dann festgestellt, dass diese Thematik keine Modewelle ist, sondern Ausdruck
eines generellen Bewusstseinswandels.

Vom Löwenzahn zum Bewusstseinswandel – ist das nicht ein etwas kühner Gedankensprung?
Absolut nicht. Ich habe einfach weitergedacht. Was würde passieren, wenn wir jetzt alle rausgehen und Wildpflanzen ernten würden? Dann hätten wir unmittelbar ein Ressourcenproblem, weil die Landschaft, gerade in Europa, keine Naturlandschaft mehr ist, sondern eine „Produktionslandschaft“, deren Nutzung sich dem Diktat der Finanzwirtschaft unterordnet. Es gibt einerseits „Naturschutzgebiete“, in denen ich nicht sammeln darf, und andererseits intensiv genutzte „agrarindustrielle Flächen“, in denen keine Wildpflanzen wachsen. Im Grunde ist unsere heutige Landschaft ein grün angestrichenes Indus­triegebiet. Wo geht man da sammeln? Die Streuobstwiesen, die es noch gibt, reichen dafür nicht.

Ihr neues Buch „Artgerecht“ erweitert diesen Blickwinkel nochmals deutlich. Da entwickeln Sie weitreichende Visionen und Vorschläge, Ihre „13 Thesen zur Zukunft des Homo sapiens“, wie es im Untertitel heißt. Entwickeln Sie sich zum Gesellschaftskritiker? Oder verstehen Sie sich eher als Impulsgeber?
Als Impulsgeber. Ich betreibe keine Kritik, ich möchte keinen angreifen. Ich analysiere und rege an. Ich beschreibe, was ist, und zeige Wege auf, wie wir uns von einem Eingebundensein in ein künstliches System lösen können, um die Kräfte der Natur, mit ihrer ureigenen Logik, wiederzuentdecken. 

Ist unser Leben tatsächlich so künstlich geworden?
Das sehe ich so. Nicht nur in der Ernährung und bei Lebensmitteln. Wir haben Probleme bei den Böden, beim Wasser. Wir haben eine von den Interessen der Menschen abgewandte Geldindustrie. Fast alle Lebensbereiche werden anhand von wirtschaftlichen Kennziffern vermessen. Wir fühlen uns gehetzt. Wir leben ohne natürlichen Rhythmus. Ich wünsche mir, dass wir uns all dessen gewahr werden und Wege finden, die Natur wieder in unser Leben zurückzuholen.

Ist dies alles angesichts einer total vernetzten und globalisierten Wirtschaftswelt noch möglich?
Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Einfach so weiterzumachen, ist keine Lösung. Wir fahren gegenwärtig in einer Sackgasse mit definiertem Ende.

Was folgern Sie daraus?
Wir brauchen eine „natürliche Revolution“. Oberflächlich betrachtet ist unser Leben sehr bunt und vielfältig, aber alles was geschieht, findet unter einer einzigen Doktrin statt: der Doktrin, dass sich alles rechnen muss. Wir haben Ökonomisierung in allen Lebensbereichen. Auch unser Fühlen ist schon ökonomisiert. Das ist erschreckend.

Das ist immer noch Analyse. Wie lauten Ihre Empfehlungen?
Ohne Bewusstsein über die Einseitigkeit unseres heutigen Denkens wird es keine Offenheit für neue Wege geben. Ein zentrales Beispiel ist die Berechnung unseres Bruttosozialproduktes, mit dem wir unseren gesellschaftlichen „Wohlstand“ messen. Wenn wir im gesunden Sinne rechnen würden, dann müssten wir alle Schäden, die durch verschmutztes Wasser, durch verseuchte Böden, durch das Aussterben der Bienen von unserem Bruttosozialprodukt abziehen. Das gilt ebenso für Krankheitsfälle, die auf Umweltgifte oder zu hohen Konsum durch Zucker und Fertigprodukte zurückzuführen sind, und auch für die Kosten der atomaren Endlagerung. Wenn unsere Volkswirte ehrlich rechnen würden, wären wir mit unserem Brutto­sozialprodukt tief im Minus, dann würde man sehen, dass wir längst pleite sind. Wir leben von der Sub­stanz. Wir leben von den Böden, die uns nach der Eiszeit geschenkt wurden und unser Leben tragen. Eine Umkehr ist unausweichlich, sie ist not-wendig. Wir müssen in der Not wenden.

Wo sehen Sie Verbündete für Ihren Weckruf?
Nicht in der Politik. Die Politik ist verstrickt im Parteiensystem. Eine  Veränderung wird nicht „von oben“ kommen, sondern von der Bürgergesellschaft. Von Bürgern, die bei sich angefangen haben, neue Wege einzuschlagen und damit – in der Summe – die einseitige Doktrin des Geldes in unserem Gesellschaftssystem zu verändern. Das ist ein demokratischer Prozess. Verbündete sind diese Bürger, die es heute schon überall gibt. In der Pädagogik, in der Wissenschaft, bei Banken, in den Kirchen und vielen anderen Bereichen. Großer Optimismus ist angebracht!  /Das Gespräch führte Dr. Frieder Stein

Diesen Beitrag finden Sie in Ausgabe 4/2018.

Foto: Silke Schwell

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