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Die geheime Kraft des Waldes

Es gibt kaum einen besseren Ort zum Abschalten und Auftanken als den Wald. Hier rückt der Alltag in die Ferne – ein idealer Raum, um Achtsamkeit zu üben.

Im Wald zu sein bedeutet, eine Auszeit zu bekommen. Raus aus dem Aufgaben-Korsett und weg vom Haben-müssen. Raus aus der digitalen Welt und weg von den Erwartungen und Bewertungen anderer. Hier, zwischen den Bäumen, erfüllt sich die Sehnsucht, einfach mal so sein zu dürfen, wie man wirklich ist. Eine ideale Voraussetzung, Achtsamkeit zu üben.

Gehmeditation
Meditatives Gehen im Wald hilft dabei, die Gedanken kommen und gehen zu lassen und sich als Teil der Welt geborgen zu fühlen. Die wesentlichen Elemente der Gehmeditation sind Achtsamkeit, Gehen, Atmen und Lächeln. „Wir kommen bei jedem Schritt nach Hause“, sagt der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh.

Laufen Sie so wie immer. Spüren Sie ganz bewusst jeden Schritt, das Aufsetzen der Ferse und das Abrollen des Fußes. Spüren Sie die Beschaffenheit des Bodens. Jeder Schritt ist eine neue Erfahrung. Wird Ihre Aufmerksamkeit durch etwas anderes beansprucht, dann bleiben Sie einen Moment stehen. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie sie benötigen. Gehen Sie dann weiter und kehren Sie zu sich zurück.

Wichtig sind dabei ruhige und gleichmäßige Atemzüge: drei bis vier Schritte während des Einatmens, vier bis fünf Schritte während des Ausatmens. Etwas länger aus- als einzuatmen befördert Reste an verbrauchter Luft aus den Bronchien.  Mit einem Lächeln schwächen Sie dunkle Gedanken, aktivieren Sie das Belohnungszentrum im Gehirn. Das hebt das Selbstvertrauen. Wenn Sie gerade nicht heiter gestimmt ist, genügt es, die Mundwinkel zu heben, damit stimmungsaufhellende Botenstoffe ausgeschüttet werden. Wer mit der Gehmeditation nicht zurechtkommt, kann auch auf andere Weise Achtsamkeit üben.

Ein Vorschlag:
Verlassen Sie den Weg, und folgen Sie entweder einem Wildpfad oder gehen Sie buchstäblich über Stock und Stein. Jetzt richten Sie die Aufmerksamkeit ganz auf den Boden, auf Unebenheiten und Wurzeln, auf Äste und dornige Brombeerausläufer, auf Waldgras und Gestrüpp. Jeder Schritt wird bewusst und langsam ausgeführt. Die Beine müssen jeweils ein wenig gehoben werden, während Sie sich einen Weg durch die vermeintliche Unwegsamkeit bahnen. Zu empfehlen sind Schuhe mit nicht allzu festen Sohlen, denn so lässt sich der Untergrund besser erspüren.

Raum für die Seele
Wegsein oder einfach Woanderssein ist ein wichtiger Aspekt der Naturerfahrung. Das tut der Seele gut. Hier haben wir Abstand von unseren Alltagssorgen und sind für begrenzte Zeit herausgelöst aus der sozialen Umgebung, also weg von Familie, Freunden, Nachbarn. Alleinsein kann durchaus sehr befreiend sein, sofern es selbst gewählt ist. Hier begegnen wir nur einem Menschen: uns selbst.

Die Bäume, das Moos, die Farne interessieren sich nicht für unser Aussehen oder unseren Kontostand. Wegsein bedeutet Freiheit, ganz bei sich zu sein. Eine Zeit ohne Kompromisse, Kontrolle, Kritik, Appelle. Ein Zeitraum, in dem wir die eigenen Gefühle, Gedanken, Impulse und Stressmuster in Ruhe betrachten und hinterfragen können, um den Weg für eine achtsame Grundhaltung zu ebnen.

Faszination
Es gibt zwei unterschiedliche Formen von Aufmerksamkeit.

Die eine ist die, die uns täglich im Straßenverkehr, im Beruf und bei verschiedenen Alltagstätigkeiten abverlangt wird. Sie kostet Energie. Müssen wir sie sehr lange aufrechterhalten, geraten wir in einen Erschöpfungszustand, gegen den wir nicht selten ankämpfen, wenn für Entspannung oder eine reduzierte Aufmerksamkeit noch keine Zeit ist. Die andere Form der Aufmerksamkeit kostet keine Kraft, sondern schenkt uns Regeneration und neue Energie. Die Rede ist von der Faszination, für die wir weder etwas tun müssen noch können. Sie geschieht einfach.

Wer offen für Natureindrücke ist, wird im Wald von einer Fülle faszinierender Dinge in Bann gezogen. In dieser Naturfaszination sehen die Psychologen Rachel und Stephen Kaplan von der Universität Michigan eine sogenannte „Aufmerksamkeits-Wiederherstellung“. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das verlorengegangene Bewusstsein für die Natur wieder neu aufgeladen werden kann. Es ist heute gar nicht mehr so leicht, in der Natur faszinierende Augenblicke zu erleben. Viele von uns sind zum Beispiel durch imposante TV-Dokumentationen verwöhnt. Da sieht man der Fuchsmutter bei der Aufzucht ihrer Welpen zu oder einem Ameisenstaat bei der täglichen Arbeit. Da entfalten sich Blütenblätter im Zeitraffer oder Regentropfen perlen in Zeitlupe auf eine Walderdbeere.

Man muss schon selbst auf Entdeckungsreise gehen – und vielleicht so manches Wunder verstehen wollen: die Jahresringe der Bäume, die Klopfzeichen der Spechte, das Farbenspiel der jungen Fichten-blüten oder den Duft der feuchten Walderde.

Wache Sinne – wacher Geist
Im Alltag prasseln pro Sekunde rund elf Millionen Sinneseindrücke auf uns ein, auch wenn wir glauben, davon nichts mitzubekommen oder uns abschirmen zu können. Zwar hat das Gehirn einen schützenden Filter, trotzdem kann eine Überflutung der Sinne zur Ausschüttung von Stresshormonen und auf Dauer auch zu chronischer Überlastung führen. Der Wald hält eine wohldosierte und ausgewogene Fülle von Sinneseindrücken bereit. Um sie aufzunehmen, muss man nur langsam werden, lauschen, riechen, schauen, tasten …

 

Hören
Als allererstes Sinnesorgan eines Menschen ist der Hörsinn aktiv, nämlich bereits 20 Wochen nach der Zeugung. Der Hörsinn ist es auch, der uns bis zum letzten Atemzug begleitet. Das Ohr ist sogar dem Auge überlegen. Es nimmt nicht nur die 180 Grad vor und neben uns wahr, sondern 360 Grad um uns herum. Im Wald können Sie diese Erfahrung besonders deutlich erleben. Es sind kleine feine Geräusche zu hören: im Wind rauschende Blätter, laute und leise Vogelstimmen, knackende Äste, das Knarzen alter Bäume, das Rascheln im trockenen Laub. Manchmal ist es auch ganz still. Dieser Stille zu lauschen bedeutet, sie als Kraftquelle entdecken.

Riechen
Im Frühjahr riecht der Wald anders als im Herbst. Am Abend riecht er anders als am Morgen, nach einem Regenguss anders als im Nebel. Dank einer Vielzahl verschiedener Rezeptoren in der Nase können wir zwar Tausende von Gerüchen unterscheiden, meistens aber haben wir keine Worte, um sie zu beschreiben. Doch wir können viele Gerüche sofort zuordnen – Orten, Erlebnissen und Gefühlen. Der Geruchssinn ist besonders eng mit Zentren im Gehirn verbunden, die für Emotionen und Erinnerungen zuständig sind. Selbst wenn wir Gerüche gar nicht bewusst wahrnehmen, können sie unsere Stimmungen und damit das Befinden beeinflussen. Die Düfte eines Waldes rufen dank Geruchsgedächtnis selbst dann ein Wohlgefühl hervor, wenn wir sie gar nicht wahrnehmen.

Sehen
Der Wald ist eine Weide für die Augen. Eine „Augenweide“ also – ein wunderbares Wort für die Vielfalt an Formen, Farben und Lichtern, die dem Auge, aber auch der Seele, segensreiche Nahrung gibt: die Grüntöne der Blätter und Nadeln, die kugeligen Zapfen der Lärchen, die stacheligen Bucheckern, die ausladenden Wedel der Farne, die zarten Strukturen der Moose, die mächtigen Stämme betagter Bäume, üppiges Waldgras …

Fühlen
Berühren, reiben, streicheln, drücken … Im Alltag benutzen die meisten von uns ihren Tastsinn viel zu selten mit Bewusstsein, dabei sind wir so abhängig von ihm. Der Wald bietet zahllose Erkundungsobjekte, die mit geschlossenen Augen betastet werden können. Zum Beispiel einen Kiefernzweig: Sind die Nadeln spitz und hart oder weich und biegsam? Ist die Rinde glatt oder rau und rissig? Oder: Wie fühlt sich Moos an? Weich und flauschig oder kalt und glitschig oder trocken und struppig? Dieses Berühren und Begreifen schärft die Aufmerksamkeit und Wertschätzung für das größte Sinnesorgan, das wir haben. 

Sie spüren: Es gibt viele gute Gründe, im Wald zu sein und sich eine Auszeit zu gönnen.

Diesen Beitrag finden Sie in Ausgabe 4/2016.

Foto: KieferPix/shutterstock.com

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