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Selbstliebe

Achtsamkeit im Umgang mit unserem Inneren – brauchen wir das? Auf jeden Fall, sagt Michael Tischinger. Der Chefarzt, Therapeut und Theologe lehrt und lebt, wie Selbstliebe die Seele heilen kann.

Ein Interviewtermin bei Michael Tischinger hat etwas von einem Kurzurlaub: Im Angesicht der Allgäuer Hochalpen liegt die Adula Klinik Oberstdorf, für deren vielfältiges psychotherapeutisches Angebot der Chefarzt verantwortlich ist. Mindestens so eindrucksvoll wie die Berggipfel ringsum ist die Liste von Tischingers Qualifikationen: Der verbindliche Bayer ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Diplom-Theologe und zudem Paar- und Familientherapeut, ausgebildet in tiefenpsychologischer Psychotherapie und Psychodrama. Für sein neues Buch hat Tischinger aber einen ganz unakademischen Ansatz gewählt: In 52 Beispielgeschichten aus seiner langjährigen Erfahrung beleuchtet er die Bedeutung der Selbstliebe für die seelische Gesundheit und die innere Heilung.

natürlich gesund und munter: Herr Tischinger, Sie plädieren für mehr Selbstliebe. Leben wir aber nicht schon in einer Welt voller Selbstverliebtheit?
Michael Tischinger: Diese Begriffe sind klar voneinander zu trennen. Ein selbstverliebter Mensch ist ein Narzisst, der in sein Spiegelbild, in sein eigenes Selbstbild verliebt ist. Dem Narzissten fehlt ein gesundes Selbstwertgefühl, und dieses Defizit versucht er dadurch zu kompensieren, dass er Bewunderung von außen erheischt, durch Anstrengung, Leistung, Macht, Einfluss, Dominanz. Selbstverliebtheit heißt, dass ich die Spiegelung von außen für mein Leben brauche. Selbstliebe ist dagegen nach innen gerichtet.

Von außen betrachtet lassen es sich selbstverliebte Menschen aber ganz gutgehen.
Wir wissen, jede Verliebtheit hat ein Ende. So ist es auch bei jedem Menschen, der sich mit der Selbstverliebtheit vermeintlich gut eingerichtet hat. Das Erwachen kommt, wenn er spürt, dass er davon nicht wirklich satt wird. Diese Gier nach immer mehr Anerkennung, nach immer mehr narzisstischer Zufuhr geht nicht endlos. Irgendwann greift die eigene Leere Raum, das Gefühl von Minderwertigkeit und der Selbstzweifel wachsen. Dann sucht er nach Ersatzbefriedigung, oftmals entstehen Süchte, die den emotionalen Hunger nicht stillen. Denn was ich mir eigentlich wünsche, bekomme ich nicht über viel Essen, Trinken, Drogen. Gier nach äußerer Anerkennung ist eine Wunde, ein schmerzendes Selbstwertproblem.

Wie ist Ihr therapeutischer Ansatz, um Menschen zu helfen, die mit dieser Wunde zu Ihnen kommen?
Letztlich geht es um einen Erkenntnisprozess, ein Umdenken, einen Neubeginn. Menschen, die zu uns finden, kommen meist mit dieser Erfahrung „so geht es nicht weiter“, sie stehen ganz plötzlich nackt da und fragen sich, wer bin ich denn? Was bleibt übrig, wenn ich nichts mehr vorzuweisen habe? Oft ist dies verbunden mit familiären Problemen, einer beruflichen Krise oder finanzieller Überforderung. Sie sind in eine Sackgasse geraten – nun gilt es zu erwachen, zu erkennen und zu verstehen, warum sie dort hineingeraten sind. Wir helfen, indem wir den Leidenden aus seiner Sackgasse herausbegleiten und ihn bei der Suche nach einem neuen Lebenssinn unterstützen, ihm erlauben, seine Sehnsüchte zu erkennen. Und wir bieten Handwerkszeug für diesen Moment des Umkehrens, des Umwendens an. Es geht darum, wie alte und neue Beziehungen zum Partner, zu Kindern, zu Freunden, allgemein zu Menschen, die dem Patienten am Herzen liegen, neu belebt werden können. Wie eine neue Beziehungsqualität von innen nach außen gelebt werden kann. Lesen Sie den vollständigen Beitrag in Ausgabe 01/2018.

Foto: Rolf Brenner

 

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