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Interview: Leben mit dem Virus

Susanne Wegner; Komposition Michaela Mayländer

Prof. Dr. Harald Matthes
Der leitende Arzt des Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin ist Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie und hat eine Stiftungsprofessur an der Charité. Sein Schwerpunkt liegt auf der Anthroposophischen Medizin. In seiner Habilitation konnte er nachweisen, dass Mittel der Komplementärmedizin deutlich weniger Nebenwirkungen haben als konventionelle Arzneimittel und dabei sehr gute Behandlungserfolge erzielen.

Seit rund einem Jahr breitet sich das Coronavirus SARS-CoV-2 weltweit aus und infiziert immer mehr Menschen. Prof. Dr. Harald Matthes hat seit dem Beginn der Coronapandemie im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin zahlreiche Covid-19-Patienten betreut. Wir haben ihn gefragt, ob unsere Gesellschaft gut darauf vorbereitet ist, längere Zeit mit dem Virus zu leben.

Es gibt unterschiedliche Arten, auf die Coronapandemie zu ­reagieren. Diejenigen, die alles richtig machen wollen, bleiben auf Abstand, tragen Maske, ­desinfizieren Hände, Stifte, Türen und machen keinen Urlaub im Ausland. Andere sind ohne Maske und Distanz unterwegs: leichtsinnige, meist junge Menschen in Partylaune und Coronaskeptiker bei Demonstra­tionen. Und dann sind da noch die mit dem Durchblick, die Eiferer, die Sorglosen, die Verschwörungsgläubigen, die Naiven, die Mahner. Der Mediziner Prof. Dr. Harald Matthes hat an der Berliner Havelhöhe ein Zentrum zur Versorgung von Covid-19-Patienten aufgebaut. Er rät der Politik, der Krise möglichst differenziert zu begegnen, einen breiten fachlichen Dialog zu suchen und die Grundlagen ihrer Entscheidungen transparent zu machen.

natürlich gesund und munter: Herr Prof. Dr. Matthes, Covid-19 polarisiert unsere Gesellschaft und emotionalisiert stark. Warum ist das so?
Prof. Matthes: SARS-CoV-2 kann einerseits eine tödliche Infektionserkrankung mit schweren Verläufen und teilweise bleibenden Schäden auslösen. Gleichzeitig ist es aber auch ein vergleichsweise harmloses Virus, das mit seinem Wirt eine friedliche Koexistenz eingehen kann, ohne ihm zu schaden. In vielen Fällen besiedelt es den Menschen, bringt aber keine Infektionskrankheit hervor und damit auch keine Krankheitssymptome. Je nach Alter und Anzahl der Risiko­faktoren reicht das Spektrum von infizierten, aber zu 100 Prozent gesunden Kindern bis hin zu alten Menschen mit Mehrfacherkrankungen, von denen aufgrund einer Covid-19-Erkrankung bis zu 15 Prozent sterben.

Welche Rolle spielen dabei Umweltfaktoren?
Der Wirt Mensch scheint der bedeutendere Faktor zu sein. Risikoanalysen mit 17 Millionen elektronischen Gesundheitsdaten aus den USA zeigen: Alter, Diabetes, Demenz, koro­nare Herzkrankheiten, onkologische Erkrankung, Schlaganfall, chronische Erkrankungen der Lunge und der Leber sowie Immunsuppression sind klare Risikofaktoren. Sozio-ökonomische Voraussetzungen wie Wohnraum, gesundheitliche Versorgung, Familiengröße, Arbeitsbedingungen sowie die Luftqualität spielen dabei aber auch eine Rolle – das bestätigt der Blick auf die weltweit unterschiedlichen Verläufe der Pandemie.

Ist die Angst vor einer schwerwiegenden Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 somit nach wie vor begründet oder eher übertrieben?
Entscheidend für die Risikobewertung bei einer Infektionskrankheit ist die Rate der Sterblichkeit an der Infektion, die sogenannte Infection Fatality Rate IFR. Mitte August wurden beispielsweise deutschlandweit bei insgesamt 21 629 aktiven Fällen lediglich 227 Covid-19-Erkrankte auf Intensivstationen behandelt. Dies zeigt, dass die Anzahl der stationär behandelten Patienten hierzulande deutlich zurückgegangen ist, obwohl die Neuinfektionszahlen merklich angestiegen sind. Für 0,01 bis 0,3 Prozent der Infizierten in Deutschland verläuft Covid-19 tödlich. Die Sterblichkeitsrate liegt damit im Bereich einer stärkeren Influenzapandemie. Ein solcher IFR zeigt aber auch: Die Gefährlichkeit wird weniger durch das Virus selbst bestimmt, sondern vielmehr durch die individuellen Risikofaktoren und die genutzten Schutzfaktoren. So waren das Verbot von Großveranstaltungen und der Aufruf zu Basishygiene und sozialer Distanzierung wesentlich für die Eindämmung der ersten Coronawelle im Frühling. Das zeigen epidemiologische Daten. Die Kita- und Schulschließungen und der Lockdown im März hatten meines Erachtens keine wesentlichen Effekte auf den Infektionsausbreitungsprozess.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?
Schauen wir kurz zurück auf den März in diesem Jahr. Auf politischer Seite erfolgten weitreichende Verordnungen, ohne dass diese in einem demokratischen Prozess der gesellschaftlichen Gruppen ausgehandelt wurden. Wir erlebten Eingriffe von der Versammlungsfreiheit über die Berufsausübung bis hin zur Religionsausübung, wie dies sonst nur in Kriegszeiten verfügt wird. Ich habe damals schon kritisiert, dass bei der seinerzeit erkennbaren Gefahr für schwerwiegende Verläufe des Virus nur einige wenige Virologen und Epidemiologen und nicht etwa auch Infektiologen, Intensivmediziner, Haus- und Kinderärzte, Internisten oder auch Sozialmediziner und Psychosomatiker Gehör fanden. Schließlich sind sie es doch, die den erkrankten Menschen –  und weniger das Virus – behandeln, zumal eine antivirale Strategie derzeit praktisch keine Rolle spielt.

Was würden Sie vorschlagen?
Medizin als eine Handlungswissenschaft lebt von ihrer Empirie, das heißt von der Beobachtung der Phänomene und deren Interpretation. Wir brauchen daher einen interdisziplinären Dialog innerhalb der Medizin, mit der Politik und den Medien wie auch den Austausch zwischen Medizin und Sozialwissenschaften, Wirtschaft, Kunst und Kultur – also interprofessionelle Beratungsgremien für die Politik. 

Also mehr Demokratie wagen?
Ja! Anderenfalls laufen wir als Gesellschaft Gefahr, die Verordnungen der Politik als Diktate einer instru­mentalisierten, einseitigen, nicht pluralistischen und damit nicht wissenschaftlichen Medizin zu erleben. Im gesellschaftlichen Raum gibt es nicht – wie in der Wissenschaft – richtig oder falsch beziehungsweise hypothesenbestätigend oder   falsifizierend. Es gilt die Angemessenheit. Das soziale Leben ist stark durch die emotionale Bewertung der Angemessenheit von Verhalten und Umgang in der jeweiligen Situation und Begegnung bedingt. 

Was meinen Sie damit?
Betrachtet man den extremen Risikounterschied zwischen einem alten Menschen mit Vorerkrankungen und einem Kind, wird leicht erkennbar, wie wir, je nach Situation, vergleichbare Maßnahmen als unterschiedlich angemessen  erleben. Bricht Covid-19 in einem Altenpflegeheim aus, sind weitgehende allgemeine Schutzmaßnahmen mit drastischen Einschränkungen der Grundrechte gerechtfertigt. Werden diese jedoch zur Rechtsverordnung für die Allgemeinheit, so empfinden gesunde junge Menschen mit geringem Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 dies als unangemessenes abverlangtes
Sozialverhalten, als Drangsalierung. 90 Prozent der Bevölkerung müssen ihre Grundrechte zum Schutz von rund zehn Prozent aufgeben.

Sie plädieren somit dafür, die Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte aufzuheben, obwohl die Infektionsgefahr noch nicht gebannt ist?
Verordnetes Sozialverhalten, das als unangemessen empfunden wird, führt zu Widerstand. Sollen dieselben Regeln in Pflegeheimen wie in Kindergärten und Grundschulen gelten, obwohl das Gesamtrisiko und die Sterblichkeit bei einer Covid-19-Infektion völlig unterschiedlich sind? Warum testen wir derzeit am stärksten in den Schulen, wo doch die Altenpflegeheime ein ganz anderes Risiko darstellen? Weil in den Schulen die Empörungswelle von Schülern, Eltern und Lehrern am größten ist. Die Politik reagiert im Grunde populistisch und dirigiert auch hier die Maßnahmen nicht nach wissenschaftlichen Kriterien breiterer Expertengremien. Und Populismus ist häufig mit dem Wunsch nach einfachen Lösungen und klaren Vorgaben verbunden. Bei der Covid-19-Pandemie ist aber Differenzierung, also das Gegenteil, erforderlich. Es handelt sich bei der empfundenen Unangemessenheit der kollektiven Verordnungen um ein soziales Dilemma.

Was könnte zur Auflösung dieses Dilemmas beitragen?
Die Bevölkerung müsste transparent aufgeklärt werden: Die Fakten über Infektionserkrankte, Todesfälle und die verschiedenen Risikofaktoren müssten ebenso dargelegt werden wie die Notwendigkeit eines daraus resultierenden, an die Risiken angepassten eigenverantwortlichen Handeln des Einzelnen. Wenn Freiheit auch Einsicht in die Notwendigkeit bedeutet, so dürfte Verstehen besser als Verordnen sein. Die sozialen Spannungen und die derzeitige Polarisierung der gesellschaftlichen Schichten benö­tigen zur Befriedigung ein angemessenes politisches Augenmaß und damit keine weiteren harten Verordnungen, die von Teilen der Bevölkerung als drangsalierend empfunden werden. Nur die individuell übernommene Verantwortung im eigenen Handeln kann im Sozialen eine Angemessenheit erzeugen.

Können Sie der Corona-Epidemie auch positive Seiten abgewinnen?
Ob Covid-19 oder der erfolgte Lockdown als Chance zur Besinnung genutzt wird, ist derzeit offen. Staatliche Investitionen von 1,2 Billionen Euro sollen die Wirtschaft in Deutschland wieder ankurbeln. Ob diese Investitionen für mehr Nachhaltigkeit in Ökologie und Ökonomie genutzt werden oder doch nur Altes wieder aufgebaut wird, muss sich erweisen. Meist sind nicht die, die den Missstand erzeugt haben, auch diejenigen, die eine Lösung bringen. / Das Gespräch führte Georgia van Uffelen.
Diesen Beitrag finden Sie in Ausgabe 6/2020



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