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Kolumne: Ängste überwinden und über sich hinauswachsen

Kolumne von Dr. med. Isabel Bloss, Ärztin mit eigener Praxis, Schwerpunkt Anthroposophische Medizin, Homöopathie und TCM, gibt Antworten auf Lebensfragen, mit denen sie bei ihrer Arbeit konfrontiert wird.

Oft werde ich von Patienten in Lebenskrisen und Phasen des Umbruchs gefragt, welcher Schritt der nächste sein kann. Innere Unsicherheit, Orientierungs- und Hilflosigkeit werden häufig begleitet von gesundheitlichen Beschwerden: Körper und Seele signalisieren, dass es so nicht weitergehen kann. Meist bemerke ich dann im Gespräch, dass es vor allem ein Gefühl ist, das daran hindert, den nächsten Schritt zu tun, ein Gefühl, das viele Impulse blockiert: Angst – die Angst, zurückgewiesen zu werden, das Falsche zu sagen oder zu tun, nicht mehr geliebt zu werden oder sogar ganz den Halt im Leben zu verlieren. Diese Angst kennen wir alle.
Wie kann das Leben dennoch gelingen – mit Angst? Vielleicht entgegnen Sie jetzt, dass es alles einfacher wäre, wenn Sie nicht so viel Angst und Sorgen hätten. Ich höre oft den Satz: Ja, wenn ich mich erst stärker fühle, dann gehe ich meine Probleme an, dann verändere ich etwas. Dabei verstreichen die Jahre, und Sie haben nichts von dem gemacht, was Ihnen wirklich am Herzen liegt. Ich finde, dass Ängste wie ein großes „Nein“ sind, eine­ Blockade, die den Fluss des Lebens aufhält. Das Leben liegt nicht in unserer Hand. Gerade in dieser Nicht-Vorhersagbarkeit liegt aber ein entscheidender Hinweis, wie das Leben einen tiefen Sinn erfahren kann. Fragen Sie sich von Zeit zu Zeit, was Ihre tiefen Wünsche und Sehnsüchte sind, was Ihr Herz erfreut, wärmt und zutiefst bewegt.

Das rate ich meinen Patienten. Und dann kommt der entscheidende Moment, in dem ich sie ermuntere, einen Schritt in diese Richtung zu tun. Und zwar mit der Angst, nicht ohne sie, nicht erst, wenn sie besser, schwächer, leiser ist. Die Angst kann Sie zittern lassen, Sie durchschütteln, das ja – aber sie darf nicht zum Leitmotiv werden, das Sie hindert, endlich das Leben zu leben, das Sie leben wollen.
Nehmen Sie sich zunächst kleine Dinge vor, die Sie fürchten und von denen Sie wissen, dass es Sie Überwindung kostet, sie zu tun. Sie werden spüren, dass Sie ein wenig über sich selbst hinauswachsen, dass Ihr Selbstwertgefühl erstarkt und Sie mit neuem Mut nach vorne schauen können. Stufe für Stufe können Sie dann Ihre „Angstskala“ erhöhen. Sie werden sehen, dass die Angst eine Schimäre ist, die nach und nach verblasst. Sollten die Ängste allerdings tiefer liegen und schon viele Jahre bestehen, rate ich, sich professionelle Unterstützung in Form einer Gesprächstherapie zu suchen. Leider ist dies für viele immer noch ein Tabu, ein Eingeständnis von Schwäche – dabei ist das Gegenteil der Fall.

Was für Sie persönlich wichtig ist in Ihrem Leben, was  ihr „Kompass“ werden kann, können Sie nur selbst herausfinden. Ihre Intuition kennt den richtigen Weg. Haben Sie ruhig den Mut, dorthin zu spüren und Ihre innere Tür zur Seele zu öffnen. Es gilt, die Angst wahrzunehmen, sie nicht zu bekämpfen und sich selbst mitfühlend und liebevoll zu behandeln. Und dann trauen Sie sich: Wagen Sie einen neuen, mutigen Schritt in Richtung Glück und Freiheit – und sei er noch so klein. Diesen Beitrag finden Sie in Ausgabe 3/2019.

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