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Der große „kleine Unterschied“

EmirMemedovski/iStock.com

Auszug aus Heft 2/21

>> Warum Frauen anders krank werden als Männer
>> Vorteile einer geschlechtsspezifischen Diagnostik
     und Behandlung

>> Was Frauen präventiv für ihre Gesundheit tun können

Lange Zeit war der männliche Körper das Maß aller Dinge in der medizinischen Diagnostik und Behandlung. Aber zunehmend wird deutlich: Risikofaktoren wie auch Beschwerden unterscheiden sich je nach Geschlecht, etwa bei Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes Typ 2 oder Virusinfektionen. Deshalb brauchen Frauen andere Therapien und Medikamente als Männer. Die Gendermedizin erforscht nicht nur die Unterschiede, sondern versucht auch, eine Herangehensweise zu etablieren, die den Eigenheiten des weiblichen Organismus entspricht. Bei manchen Erkrankungen kann das lebenswichtig werden.

Keinesfalls wollte Familie Onken ihm begegnen, dem Schreckgespenst Covid-19. Doch trotz aller Vorsicht infizierte sich Matthias Onken (48) bei einem Geschäftstermin mit dem Coronavirus und steckte auch seine Frau Sonja (45) an. Beide erkrankten und hatten zunächst die typischen Symptome einer Coronainfektion. Aber die Krankheit nahm bei den beiden Eheleuten einen völlig unterschiedlichen Verlauf. Sonja Onken, zweifache Mutter, war schon nach wenigen Tagen wieder auf dem Weg der Besserung. Nur der Verlust des Geschmackssinns hielt lange an. Ihr Mann hingegen bekam zusätzlich irrsinnige Kopfschmerzen, und seine überwunden geglaubten Rückenschmerzen kehrten zurück, quälten ihn wie zuletzt vor fast zehn Jahren. Nach einigen Tagen nahm der Druck auf der Lunge zu, er bekam nachts Panikattacken und konnte kaum noch schlafen. „Als ich vor vielen Jahren einmal eine schwere Influenza hatte, ging es ab dem fünften Tag wieder aufwärts. Bei Covid wurden die Beschwerden jedoch von Tag zu Tag schlimmer“, erinnert sich Matthias Onken. Noch heute leidet der Kommunikationsberater unter den Folgen der Infektion mit SARS-CoV2. „Schon nach kurzer körperlicher Anstrengung fange ich an zu hecheln, denn meine Bronchien sind noch immer verengt“, so Matthias Onken. Trotzdem radelt der Familienvater jeden Tag 20 Kilometer und hofft, dass er gesundheitlich bald wieder so topfit sein wird wie vor der Erkrankung.

Frauen werden anders krank als Männer
Dass Männer schwerer an Covid-19 erkranken als Frauen, ist nicht erstaunlich. „Frauen können virale Infekte grundsätzlich besser abwehren, denn sie bilden schneller Antikörper“, erklärt Prof. Dr. Bettina Pfleiderer. Die Ärztin leitet an der Universität Münster die Forschungsgruppe Cognition & Gender, die sich mit der geschlechtersensiblen Lehre in der Medizin beschäftigt. Dazu kommt bei Covid-19 ein weiterer Risikofaktor: Bei Männern ist die Konzentration des Enzyms ACE2 höher. Es befindet sich vor allem im Atemwegstrakt, im Darm, in der Niere und im Herzmuskel und dient dem Virus als Einfallstor, um in die Zellen seines Wirts zu gelangen (mehr zu ACE-Rezeptoren lesen Sie im Beitrag „Corona, eine Gefäßkrankheit“ ab Seite 36). Vor allem in der späteren Lebensphase erweist es sich als Nachteil, dass das männliche Immunsystem nicht so effektiv wie das weibliche ist (siehe Kasten rechts): In der Altersgruppe der 59- bis 79-Jährigen sterben 30 Prozent mehr Männer an einer Covid-19-Infektion als Frauen. Das ist nicht nur in Deutschland oder Europa so, sondern auf der ganzen Welt, wie die in 20 Ländern gesammelten Daten der Forschungsinitiative Global Health zeigen. Frauen wiederum leiden wegen ihres stärkeren Immunsystems häufiger an Autoimmunerkrankungen. Die Schilddrüsenerkrankung Hashimoto etwa betrifft zwölf Mal mehr Frauen als Männer.

Doch warum ist das so? Weshalb sind Krankheitsverläufe und Symptome bei Männern und Frauen mitunter völlig anders und warum benötigen sie unterschiedliche Medikationen? Mit Fragen dieser Art beschäftigt sich die Gendermedizin. Dieser auch als „geschlechtsspezifische Medizin“ bezeichneten Richtung der Humanmedizin geht es ganz praktisch darum, die Therapie vor allem für Frauen, aber auch für Männer zu verbessern. Denn noch immer werden viele Leiden aufgrund stereotyper Zuordnung zum männlichen Geschlecht bei Frauen oft viel später erkannt. Der Mann gilt als Blaupause für die Diagnostik und die Behandlung – mit der traurigen Folge, dass bei vielen Erkrankungen die Diagnose falsch oder zu spät gestellt wird und geeignete Therapien nicht rechtzeitig erfolgen. Erschwerend kommt etwas Weiteres hinzu: Manche Ärzte und Ärztinnen seien bei Frauen wie auch bei Männern in gewisser Hinsicht „diagnoseblind“, so die Gesundheits­psychologin Prof. Dr. Gertraud Stadler: „Während bei Herzerkrankung, HIV-Infektion und Lungenkrebs der Mann der Prototyp ist, fungiert bei Migräne, Depression und Osteoporose die Frau als Prototyp.“ Die Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité versucht – wie zahlreiche Experten weltweit – herauszufinden, welchen Einfluss biologische Unterschiede, das Rollenverständnis oder der soziale Status auf die Entstehung und die Prävention von Krankheiten haben.

Den vollständigen Beitrag finden Sie in Ausgabe 2/2021

Weitere Aspekte in diesem Beitrag:

  • Warum Männer eine schwächere Immunabwehr haben als Frauen
  • Warum viele Medikamente bei Frauen anders wirken
  • Was Diagnostik und Behandlung berücksichtigen müssen
  • Gendermedizin: eine neue Disziplin in Forschung und Lehre
  • Warum seelische Entspannung so wichtig ist
  • Die Signale des Körpers wahrnehmen und Stress gegensteuern

 

 


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