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Kolumne: Neugierig bleiben auf das Leben

Kolumne von Dr. med. Isabel Bloss, Ärztin mit eigener Praxis, Schwerpunkt Anthroposophische Medizin, Homöopathie und TCM, gibt Antworten auf Lebensfragen, mit denen sie bei ihrer Arbeit konfrontiert wird.

Jetzt, da die Tage wieder länger werden und das Licht zunimmt, abends sich oft ein leichtes Rosa  am Himmel zeigt und die Luft schon nach Frühling riecht, empfinde ich Aufbruchstimmung. Wenn die Natur langsam aus ihrem Winterschlaf erwacht, bringt dies in mir etwas zum Klingen. Geht es Ihnen auch so? Diese Energie, die wir nun nach einem langen Winter spüren, können wir nutzen, um Erneuerung und Frische in unser Leben zu bringen.

Eine Patientin von mir, die  ihren Mann durch eine schwere Erkrankung verloren hat, kam im Frühling nach einer längeren Trauerphase allmählich wieder zu Kräften und sagte eines Tages zu mir: „Jetzt, da die Natur erwacht, die ersten Vögel singen und kleine Krokusse den Kopf aus der Erde strecken, spüre ich auch wieder Lebenswillen in mir. Ich habe das Gefühl, dass wieder vieles möglich ist.“

Dies kann bedeuten, sich etwas Neues vorzunehmen, ein Hobby auszuprobieren, alte Freundschaften aufleben zu lassen, ein neues berufliches Projekt zu beginnen oder einfach erstmal mit einem neuen Weg zur Arbeitsstelle zu beginnen. Spüren Sie in sich hinein und fragen Sie sich, was Ihnen Freude bereiten könnte, was sie vielleicht schon immer einmal machen wollten. Unser Gehirn mag es, wenn wir neugierig sind und öfter etwas Neues wagen – denn Neugier schützt nachweislich vor Demenz und Depressionen.

Die Neugier lässt uns Dinge angehen, die wir sonst aus Ängstlichkeit und Verzagen heraus nicht gewagt hätten. Kinder sind meistens sehr neugierig, und von ihnen können wir uns viel abschauen. Sie wollen etwas von der Welt erfahren, etwas ausprobieren und haben keine Angst vor dem Scheitern. Als Erwachsene wägen wir oft sehr viel ab: Was könnte schiefgehen? Was, wenn es nicht klappt?

Diese Zweifel wirken lähmend. Ich denke, jetzt ist eine­ gute Zeit, um die Zweifel einmal beiseite zu legen­ und die Energie auf sich wirken zu lassen, die die Natur schenkt mit ihrer grünen und lebendigen Kraft. Am besten geht das bei einem Spaziergang durch den Wald, bei dem Sie die erwachenden Kräfte spüren und sich mit ihnen verbinden können. Manchmal hilft es, Bäume zu umarmen – auch wenn das jetzt etwas komisch klingt. Ich habe das während meines Medizinstudiums kennen­gelernt, als unser Pharmakologie-Professor (eigentlich ein ganz rationaler Naturwissenschaftler) seine Studierenden aufforderte, in Lernpausen immer wieder in den Wald zu gehen, um Bäume zu umarmen, ihre Kraft zu spüren und sich von dieser erdenden Energie tragen zu lassen. Erst kam es uns merkwürdig vor, aber diese Verbindung mit der Natur hat uns geholfen, dann wieder mit Tatendrang und Wissensdurst weitere Schritte zu wagen.

Wichtig wird unsere Neugier vor allem in Phasen, in denen wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten, erschöpft oder vielleicht sogar etwas desillusioniert zu sein. Ver­suchen Sie gerade dann, sich von Ihrer eigenen Neugier inspirieren zu lassen. Bleiben Sie gespannt auf das Leben – und bleiben Sie offen für das Gute und Schöne, das täglich passiert.

Diesen Beitrag finden Sie in Ausgabe 2/2020


Foto: Pixabay